Ich bin Jäger. Und vielleicht gerade deshalb sehe ich den Wolf nicht als Konkurrenten.
Ich sehe ihn als Teil einer Landschaft, die wir Menschen seit Jahrhunderten verändern und gestalten. Wir bewirtschaften Wälder, halten Nutztiere, bauen Straßen und Siedlungen, bestimmen Wildbestände und legen fest, welche Entwicklung eines Waldes wir für richtig halten. Wir greifen also längst ein.
Die entscheidende Frage ist für mich deshalb nicht, ob wir Natur beeinflussen. Das tun wir ohnehin. Die Frage ist: Wie weit dürfen wir dabei gehen – und wann müssen wir akzeptieren, dass Natur nicht ausschließlich unseren Vorstellungen folgt?
Der Wolf ist nicht plötzlich hier aufgetaucht
Der Wolf ist keine neue oder eingeschleppte Tierart. Über Jahrtausende lebten Wölfe in Mitteleuropa. Dass sie schließlich aus Deutschland verschwanden, lag nicht daran, dass sie hier nicht leben konnten. Sie wurden verfolgt und ausgerottet.
Seit dem Jahr 2000 gibt es in Deutschland wieder nachgewiesene Wolfsrudel mit Nachwuchs. Niemand hat diese Wölfe hier angesiedelt. Sie sind selbst zurückgekommen, haben Lebensräume und Nahrung gefunden und sich fortgepflanzt – in einer Landschaft, die mit ursprünglicher Wildnis nur noch wenig zu tun hat.
Wenn wir darüber diskutieren, ob der Wolf hierherpasst, beantwortet seine eigene Existenz die Frage für mich längst: Er lebt hier. Damit ist er wieder Bestandteil unserer Ökosysteme.
Müssen wir Angst vor ihm haben?
Der Wolf ist ein großes Raubtier. Natürlich kann ein Wolf einen Menschen verletzen. Ihn als vollkommen ungefährlich darzustellen, wäre genauso falsch, wie aus seiner Anwesenheit eine ständige Gefahr abzuleiten. Entscheidend ist das tatsächliche Risiko. Gemessen an mehr als 25 Jahren mit reproduzierenden Wolfsrudeln in Deutschland sind gefährliche Begegnungen mit Menschen sehr selten. Das sollte man weder dramatisieren noch verharmlosen.
Für mich gibt es trotzdem eine klare Grenze. Ein Wolf, der seine natürliche Scheu vor Menschen verliert, wiederholt die Nähe von Menschen sucht oder sich aggressiv verhält, muss konsequent bejagt werden. Ich sehe darin keinen Widerspruch zum Schutz des Wolfes als Art. Artenschutz darf nicht bedeuten, jedes einzelne Tier unter allen Umständen schützen zu müssen.
Und wie sieht der Wolf eigentlich uns?
Wir diskutieren ständig darüber, was der Wolf mit uns macht: mit unseren Schafen, unserem Wild, unserer Jagd und unserem Wald. Vielleicht sollten wir die Blickrichtung gelegentlich umdrehen.
Was machen eigentlich wir mit dem Wolf?
Natürlich weiß ich nicht, was ein Wolf denkt. Aber wir können beobachten, wie Wölfe auf Menschen reagieren. Sie passen ihr Verhalten an unsere Anwesenheit an, weichen aus und verlagern einen Teil ihrer Aktivität. Der Jäger geht mit dem Gewehr in den Wald, der Naturfotograf mit der Kamera, der Wolfsschützer sucht Spuren. Unsere Absichten könnten unterschiedlicher kaum sein. Für den Wolf sind wir zunächst Menschen, die in seinem Lebensraum auftauchen.
Auch gut gemeinte Nähe bleibt Nähe. Das betrifft mich als Naturfotograf genauso. Natürlich möchte ich einen Wolf sehen. Aber irgendwann muss das Bild weniger wichtig werden als das Tier. Wenn ich einen Ruheplatz störe oder einem Tier folge, wird die Störung nicht dadurch besser, dass ich statt eines Gewehres eine Kamera trage.
Eine gute Absicht macht aus Nähe noch keine Rücksichtnahme.
Wem gehört eigentlich das Wild?
Als Jäger interessiert mich natürlich, welchen Einfluss der Wolf auf unsere Wildbestände hat. Er frisst Rehe, Rotwild und Wildschweine. In einem dauerhaft besetzten Wolfsrevier kann das für die Jagd spürbar werden. Wild kann sein Verhalten verändern, andere Einstände nutzen oder schwieriger zu bejagen sein. Das sollte man nicht wegdiskutieren.
Aber daraus folgt für mich nicht, dass der Wolf mein Konkurrent ist.
Das Wild gehört uns Jägern nicht. Reh, Hirsch und Wildschwein sind nicht deshalb vorhanden, damit wir sie erlegen können. Sie sind Bestandteile eines Ökosystems. Und der Wolf ist es ebenfalls.
Jagd – notwendig, aber nicht unantastbar
Wenn ich all diese Fragen stelle, muss ich sie auch an mich selbst richten. Ich bin Jäger. Es wäre bequem, den Wolf, die Forstwirtschaft und den Waldumbau kritisch zu betrachten und ausgerechnet die Jagd davon auszunehmen.
Ich halte Jagd in unserer Kulturlandschaft für sinnvoll und in vielen Bereichen für notwendig. Hohe Schalenwildbestände können Waldverjüngung und Landwirtschaft beeinflussen. Wildschäden müssen begrenzt werden. In bestimmten Situationen spielt Jagd bei Tierseuchen eine Rolle. Und Wildbret ist für mich ein hochwertiges regionales Lebensmittel.
Aber daraus folgt kein allgemeiner Anspruch darauf, jedes jagdbare Tier überall und jederzeit bejagen zu müssen. Jagd muss sich dort rechtfertigen können, wo sie eingreift.
Dreißig Jahre draußen
Ich jage gerne. Das möchte ich gar nicht hinter einer ökologischen Begründung verstecken.
Seit rund dreißig Jahren sitze ich im Revier. Am frühen Morgen, wenn es langsam hell wird. Abends beim Sonnenuntergang. Im Mondschein. Oder nachts beim Warten auf Schwarzwild. In dieser Zeit habe ich sehr viele Stunden einfach nur dagesessen und beobachtet.
Und fast immer passiert etwas, selbst wenn jagdlich überhaupt nichts passiert. Manchmal ist es nur eine Maus unter dem Hochsitz oder ein Eichhörnchen im Baum. Ein Fuchs zieht vorbei, ein Greifvogel jagt, Rehe treten aus dem Bestand. Man hört etwas im Dunkeln und weiß zunächst überhaupt nicht, wer da unterwegs ist. Und manchmal erlebt man Dinge, die man sein Leben lang nicht vergisst.
Nach dreißig Jahren entsteht daraus kein wissenschaftlicher Beweis. Aber es entsteht ein Erfahrungsschatz. Und zu meinen Erfahrungen gehört, dass Wild sehr genau auf uns reagiert.
Wild lernt
Manchmal könnte man fast glauben, das Wild kenne unseren Jagdkalender. Natürlich kennt ein Hirsch keine Jagdverordnung und kein Datum. Aber Rotwild, das während der Jagdzeit kaum bei Tageslicht zu sehen ist, kann außerhalb dieser Zeiten plötzlich erstaunlich entspannt auf offenen Flächen stehen.
Die Forschung beschreibt tatsächlich vergleichbare Reaktionen. Wildtiere lernen räumliche und zeitliche Risikomuster. Das macht die Diskussion über Jagddruck für mich komplizierter. Nicht jede Stunde, die ein Jäger still auf einem Hochsitz verbringt, ist automatisch eine Stunde massiver Störung.
Natürlich hinterlassen wir Spuren, wir laufen zum Sitz, verbreiten Geruch und wenn wir schießen, ist die Störung offensichtlich. Aber über lange Zeit geschieht beim Ansitz häufig vor allem eines: Wir sitzen da und beobachten.
Deshalb halte ich es für zu einfach, die Ansitzjagd pauschal dafür verantwortlich zu machen, dass Wild heimlicher oder nachtaktiver wird. Jagddruck spielt eine Rolle. Aber ebenso wichtig sind Intensität, Häufigkeit, Ort, Zeitpunkt und die Erfahrungen, die ein Tier mit einer Situation gemacht hat.
Auch die Drückjagd ist kein Allheilmittel
Umgekehrt überzeugt mich die Vorstellung nicht, wir müssten nur die Einzeljagd stark reduzieren, einige große Drückjagden durchführen und hätten anschließend die perfekte störungsarme Jagd.
Ich habe viele Drückjagden mitgemacht. Sie können sinnvoll und notwendig sein. Gerade bei Schwarzwild sind sie ein wichtiges Instrument. Aber ich habe auch erlebt, was dort innerhalb weniger Stunden passiert. Hunde, Treiber und Schützen bringen erhebliche Unruhe in ein Revier. Wild kommt häufig in Bewegung vor die Schützen. Für Ansprechen und Schussentscheidung bleibt weniger Zeit als bei einem ruhig stehenden Stück.
Ein guter und geübter Schütze kann bewegtes Wild sicher erlegen. Aber die Anforderungen sind höher. Und wir sollten als Jäger auch über den inneren Leistungsdruck sprechen. Man ist eingeladen, um einen herum fallen Schüsse und vielleicht kommt nur für wenige Sekunden Wild. Natürlich gilt immer: Wenn ich mir nicht sicher bin, schieße ich nicht. Aber auch Jäger sind Menschen.
Fehlschüsse und schlechte Treffer sind keine abstrakten Zahlen. Am Ende kann ein verletztes Tier stehen, das nachgesucht werden muss. Deshalb verteufele ich Drückjagden nicht. Aber für ein Allheilmittel halte ich sie genauso wenig.
Und dann steht der Mais da
Spätestens beim Schwarzwild zeigt sich, warum einfache Lösungen in unserer Kulturlandschaft so selten funktionieren.
Wenn eine Rotte Nacht für Nacht in einen Maisbestand zieht und dort Schaden verursacht, hilft dem Landwirt die theoretische Forderung nach möglichst viel Ruhe im Revier wenig. Er erwartet zu Recht, dass der Jagdausübungsberechtigte versucht, den Schaden zu begrenzen.
Dann sitzt man eben draußen. Manchmal Nacht für Nacht und viele Stunden. Oft ohne Erfolg. Wer Schwarzwild länger bejagt hat, weiß, wie schnell diese Tiere reagieren. Zeiten ändern sich, Wechsel ändern sich, und eine Strategie, die gestern funktioniert hat, kann heute schon nutzlos sein.
Was aus Sicht des Wildes gut wäre, ist also nicht immer das, was unsere Kulturlandschaft von uns verlangt. Natürlich tut Ruhe dem Wild gut. Wo wir sie ermöglichen können, sollten wir das tun. Aber manchmal hat der Jäger diese Wahl schlicht nicht.
Vielleicht gibt es deshalb gar nicht die eine richtige Jagdmethode. Entscheidend ist, warum wir jagen, was wir erreichen wollen und wie wir das mit möglichst wenig vermeidbarem Leiden und möglichst wenig vermeidbarer Störung tun.
Wald ist nicht gleich Wald
Beim Wald-Wild-Konflikt stört mich manchmal schon der Begriff Wald, weil er so klingt, als würden wir immer über dasselbe sprechen.
Wald ist nicht gleich Wald. Ein Fichtenforst, ein gleichaltriger Buchenbestand und ein über lange Zeit gewachsener strukturreicher Mischwald mögen auf einer Karte alle als Wald erscheinen. Ökologisch sind sie etwas sehr Unterschiedliches.
Ich empfinde Wald fast immer als schön. Aber schön bedeutet nicht automatisch natürlich. Viele unserer Wälder sind das Ergebnis jahrzehnte- oder jahrhundertelanger menschlicher Entscheidungen. Sie wurden gepflanzt, gepflegt und genutzt. Und natürlich wird mit Wald Geld verdient. Das ist zunächst nichts Verwerfliches. Holz ist ein wertvoller Rohstoff und Waldbesitzer müssen wirtschaften können.
Aber dann sollten wir einen bewirtschafteten Wald nicht gleichzeitig so darstellen, als sei jeder von uns gewünschte Zustand automatisch der natürliche.
Die nächste Monokultur wäre derselbe Fehler
Wir haben gesehen, wie anfällig großflächige, einförmige Bestände sein können. Gerade Fichtenbestände haben durch Sturm, Trockenheit und Borkenkäfer enorme Verluste erlebt. Waldumbau ist deshalb richtig und notwendig.
Was ich für bedenklich hielte, wäre, aus dem Fehler der Vergangenheit nur die falsche Lehre zu ziehen. Aus gestern Fichte darf nicht einfach morgen Buche werden.
Die Buche ist eine wichtige heimische Baumart und auf vielen Standorten unverzichtbar. Aber auch sie leidet unter Hitze und Trockenheit. Gerade in Zeiten des Klimawandels erscheint es mir riskant, wieder auf wenige vermeintlich sichere Arten zu setzen.
Für mich kann die Antwort deshalb nur eine vorausschauende, standortgerechte Vielfalt sein.
Nicht wahllos möglichst viele Arten, sondern unterschiedliche geeignete Baumarten und Herkünfte, genetische Vielfalt, verschiedene Altersstufen und vielfältige Strukturen. Niemand weiß heute mit Sicherheit, welche Baumart an einem bestimmten Standort in hundert Jahren die besten Bedingungen vorfinden wird. Ein vielfältiger Wald setzt wenigstens nicht alles auf eine Karte.
Auch ein gleichaltriger Kiefern-, Fichten- oder Buchenbestand erfüllt Funktionen. Er produziert Holz, bindet Kohlenstoff, beeinflusst Wasserhaushalt und Mikroklima und bietet bestimmten Arten Lebensraum. Aber damit ist noch lange nicht die ganze ökologische Leistung eines Waldes beschrieben.
Ein Wald mit unterschiedlichen Baumarten und Altersstufen, Strauch- und Krautschichten, Lichtungen, alten Bäumen, Höhlenbäumen und Totholz bietet andere und vielfältigere Lebensräume. Ein gesunder Wald ist für mich vielleicht weniger ein perfekt geplanter Wald als ein Wald mit möglichst vielen Möglichkeiten, auf Veränderungen zu reagieren.
Wie viel Wild verträgt der Wald – und wie viel Mensch verträgt das Wild?
Dass Rehe und Hirsche die Waldverjüngung beeinflussen und hohe Wilddichten Verbiss- und Schälschäden verstärken können, ist wissenschaftlich gut belegt. Das möchte ich überhaupt nicht wegdiskutieren.
Aber die Zahl der Tiere ist nicht der einzige Faktor. Rotwild braucht Nahrung und Sicherheit. Wenn wir es tagsüber durch Forstarbeiten, Jagd, Spaziergänger, Mountainbiker und andere Freizeitaktivitäten immer wieder aus guten Äsungsbereichen verdrängen, verschwindet es nicht. Es zieht sich dorthin zurück, wo es Deckung findet. Und möglicherweise konzentrieren wir es damit genau dort, wo anschließend Schäden entstehen.
Deshalb sollten wir nicht nur fragen: Wie viel Rotwild verträgt dieser Wald? Wir sollten genauso ernsthaft fragen: Was für einen Lebensraum bieten wir dem Rotwild – und wie viel menschlichen Druck verträgt es?
Echte Wildruhezonen
Ich glaube, dass wir ausreichend große Wildruhezonen brauchen. Und damit meine ich nicht ein Schild am Wegesrand, hinter dem trotzdem Forstbetrieb, Jagd und Freizeitnutzung weiterlaufen.
Ich meine Bereiche, in denen wir Menschen uns tatsächlich zurücknehmen. Keine Jagd, soweit nicht ausnahmsweise ein zwingender Eingriff notwendig ist. Keine vermeidbaren Forstarbeiten. Keine Mountainbiker, keine Spaziergänger und auch keine Naturfotografen, die dem Rotwild hinterherlaufen.
Solche Zonen müssen groß genug sein, damit Rotwild dort wirklich Ruhe findet. Und sie müssen Nahrung und Deckung bieten. Es hilft wenig, Tiere in einen dunklen, nahrungsarmen Bestand zurückzudrängen und anschließend überrascht zu sein, wenn dort Bäume geschält werden.
Wenn wir vom Wild verlangen, bestimmte Bereiche unseres Waldes möglichst wenig zu belasten, sollten wir ihm im Gegenzug Bereiche zugestehen, die wir möglichst wenig belasten.
Das ersetzt keine Bestandsregulierung, wo sie tatsächlich notwendig ist. Aber es ergänzt sie um etwas, das in der Diskussion leicht verloren geht: Lebensraum.
Vielleicht müssen wir uns auch Zeit leisten
Bei all unseren Überlegungen zum Waldumbau denke ich noch an etwas anderes: Wir denken beim Wald häufig in menschlichen Zeiträumen.
Ein Bestand wird begründet, gepflegt, durchforstet und irgendwann genutzt. Aber ein Wald kann sich über Jahrhunderte entwickeln. Zu einem alten Wald gehören nicht nur große Bäume. Dazu gehören Altern, Absterben, Zerfall, Totholz, Lücken und wieder neues Leben.
Deshalb glaube ich, dass wir uns auch Waldflächen leisten müssen, die wir einfach in Ruhe lassen. Nicht für zehn Jahre und nicht bis zum nächsten Forstwirtschaftsplan. Vielleicht tatsächlich für einige hundert Jahre.
Das bedeutet nicht, die Forstwirtschaft abzuschaffen. Wir brauchen Holz. Aber neben bewirtschafteten Wäldern brauchen wir Flächen, bei denen wir nicht zuerst nach dem Ertrag fragen. Wälder, in denen wir nicht schon heute festlegen, welche Baumart im Jahr 2200 dort stehen soll.
Wir geben Raum und Zeit. Und wir akzeptieren, dass wir das Ergebnis nicht kennen.
Ein abgestorbener Baum ist dort nicht einfach ein wirtschaftlicher Verlust. Er wird Lebensraum, Wasserspeicher, Nahrung und irgendwann wieder Boden. Auch Altern, Sterben und Zerfall gehören zum Wald.
Vielleicht ist Zeit der Teil des Naturschutzes, über den wir zu wenig sprechen. Wir müssen nicht von allem profitieren, was wir schützen.
Wir leben in einer Kulturlandschaft
Bei all dem möchte ich eines nicht vergessen. Wir leben nicht in einer Wildnis.
Deutschland ist seit Jahrhunderten eine land- und forstwirtschaftlich geprägte Kulturlandschaft. Felder, Wiesen, Weiden und Wälder ernähren uns, liefern Rohstoffe, schaffen Arbeit und Einkommen und haben Landschaften hervorgebracht, in denen ich sehr gerne lebe.
Eine Wiese im Morgennebel, ein alter Feldweg zwischen Hecken, eine Weide, ein abwechslungsreicher Waldrand – vieles davon ist keine ursprüngliche Natur. Es ist durch menschliche Nutzung entstanden. Manche besonders wertvollen Lebensräume gäbe es ohne bestimmte Formen der Landwirtschaft gar nicht.
Deshalb halte ich wenig davon, Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Naturschutz grundsätzlich gegeneinanderzustellen. Wir brauchen Landwirtschaft. Wir brauchen Forstwirtschaft. Und wir brauchen Natur.
Natur ist nicht das, was nach unserer Nutzung übrig bleibt
Das einfache Weiter-so funktioniert aber nicht. Wenn Schläge immer größer werden, Hecken, Feldraine und Brachen verschwinden, Nutzung bis an den letzten Quadratmeter reicht und im Wald möglichst jeder Baum wirtschaftlich verwertbar sein soll, bleibt Natur irgendwann nur noch dort übrig, wo wir gerade nichts anderes mit der Fläche anfangen können.
Natur darf nicht nur das sein, was nach unserer Nutzung übrig bleibt.
Wir brauchen wieder mehr Raum für Hecken, Feldraine, Brachen, Gewässerrandstreifen, extensiv genutzte Wiesen, Feuchtgebiete, strukturreiche Waldränder, alte Bäume, Totholz und echte Rückzugsräume.
Das kostet etwas. Ein Waldbesitzer, der Holz nicht nutzt, verzichtet auf Einkommen. Ein Landwirt, der Flächen für Natur bereitstellt, kann dort möglicherweise weniger produzieren. Wenn ein Weg wegen einer Wildruhezone gesperrt wird, kann auch ich dort nicht fotografieren oder spazieren gehen.
Wenn wir als Gesellschaft mehr Natur wollen, müssen wir bereit sein, dafür zu bezahlen und selbst auf etwas zu verzichten.
Das ist für mich kein Kampf gegen Land- oder Forstwirtschaft. Im Gegenteil. Auch unsere Landwirtschaft ist auf funktionierende Böden, Wasser, Bestäuber und andere natürliche Prozesse angewiesen. Eine moderne Kulturlandschaft muss produktiv sein können und trotzdem wieder mehr Natur zulassen.
Bei Nutztieren wird es konkret
Meine Freude über den Wolf darf nicht dazu führen, die Probleme anderer Menschen kleinzureden. Wer morgens auf seine Weide kommt und dort tote oder schwer verletzte Schafe findet, erlebt den Wolf anders als ich, wenn ich seine Spur fotografiere.
Herdenschutz muss praktisch funktionieren und finanziert werden. Wo er nachweislich nicht ausreicht und einzelne Wölfe wiederholt erhebliche Schäden verursachen, muss eine gezielte Bejagung möglich sein.
Wer den Wolf schützen möchte, darf diese Probleme nicht kleinreden. Akzeptanz entsteht nicht dadurch, dass man Betroffenen erklärt, ihr Problem sei statistisch unbedeutend. Aber genauso wenig sollte aus jedem Wolfsriss der Beweis konstruiert werden, dass ein Zusammenleben grundsätzlich unmöglich sei.
Bejagung ist etwas anderes als Selbstjustiz
Dass ich die Bejagung problematischer Wölfe für richtig halte, bedeutet etwas vollkommen anderes als einen illegalen Abschuss. Ein geschütztes Tier illegal zu töten, weil einem die geltenden Regeln nicht gefallen, hat für mich nichts mit verantwortungsvoller Jagd zu tun.
Eine gesetzlich geregelte Entnahme kann Bestandteil eines verantwortungsvollen Wildtiermanagements sein. Ein illegaler Abschuss ist es nicht.
Vielleicht reden wir zu viel über den Wolf
Je länger ich mich mit dem Thema beschäftige, desto stärker habe ich das Gefühl, dass die Wolfsdebatte eigentlich von etwas anderem handelt: davon, wie viel Natur wir bereit sind zuzulassen, wenn diese Natur nicht genau das tut, was wir von ihr erwarten.
Wir wollen einen natürlichen Wald – aber möglichst genau die Baumarten, die wir dort haben möchten. Wir wollen Wildtiere – aber ihre Zahl soll zu unseren wirtschaftlichen und forstlichen Zielen passen. Wir wollen den Wolf – aber möglichst ohne gerissene Schafe. Wir wollen Natur – aber sie soll berechenbar sein.
Wir können uns aus der Verantwortung nicht zurückziehen. Dafür haben wir unsere Landschaft bereits zu stark verändert. Wir müssen eingreifen, wo es tatsächlich notwendig ist. Aber aus dieser Verantwortung folgt für mich nicht das Recht, jedes Stück Natur so lange zu regulieren, bis es genau unseren Vorstellungen entspricht.
Vielleicht müssen wir lernen, zwischen notwendigem Eingreifen und unserem Wunsch nach Kontrolle zu unterscheiden.
Und dann kommt einer zurück
Vielleicht verliere ich bei all den Diskussionen über Waldumbau, Jagd, Landwirtschaft, Wildschäden und Management manchmal das Wesentliche aus den Augen.
Wir erleben seit langer Zeit, wie Arten verschwinden. Manche werden selten. Manche verschwinden aus unseren Landschaften. Und manche sterben endgültig aus.
Für immer.
Dieser Gedanke beschäftigt mich. Denn eine ausgestorbene Art kommt nicht zurück. Mit ihr verschwinden Beziehungen zu anderen Arten, die über sehr lange Zeit entstanden sind. Manchmal kennen wir diese Zusammenhänge. Sehr häufig verstehen wir vermutlich nur einen Teil davon.
Ein Ökosystem ist für mich deshalb immer mehr als die Summe seiner Arten. Eine Pflanze ernährt ein Insekt. Das Insekt wird von einem Vogel gefressen. Ein Tier verbreitet Samen. Ein anderes verändert durch seine Anwesenheit das Verhalten seiner Beutetiere. Pilze verbinden sich mit den Wurzeln von Bäumen. Ein abgestorbener Baum wird zum Lebensraum für unzählige Organismen und irgendwann wieder zu Boden.
Alles greift irgendwie ineinander. Und wir stehen daneben und versuchen, dieses Geflecht zu verstehen. Manchmal erfolgreich. Manchmal wahrscheinlich mit einer gehörigen Selbstüberschätzung.
Und dann schafft es tatsächlich eine Art zurück
Bei all dieser Hilflosigkeit gegenüber dem Verschwinden von Arten passiert manchmal etwas Erstaunliches: Eine kommt zurück.
Nicht weil wir sie ausgesetzt haben. Nicht weil wir einen perfekten Lebensraum für sie geplant haben. Nicht weil irgendein Mensch beschlossen hat, dass jetzt wieder Platz für sie sein soll.
Sondern aus eigener Kraft.
Genau das hat der Wolf getan. Wir haben ihn verfolgt, bis er aus Deutschland verschwunden war. Generationen später ist er zurückgekommen. Er hat Grenzen überquert, Straßen überwunden, unsere intensiv genutzte Landschaft durchquert und Orte gefunden, an denen er leben und Junge großziehen konnte.
Vielleicht sollte uns allein das ein wenig demütig machen. Offenbar war da noch etwas, das wir nicht vollständig beseitigt hatten: die Möglichkeit zurückzukehren.
Ich freue mich über den Wolf
Das bedeutet nicht, dass ich jedes Problem mit ihm kleinreden möchte. Ein gerissenes Schaf bleibt ein gerissenes Schaf. Ein Wolf, der seine Scheu vor Menschen verliert und gefährliches Verhalten entwickelt, muss konsequent bejagt werden. Und auch über Management darf sachlich diskutiert werden.
Aber all das ändert für mich nichts an einem ganz einfachen Gefühl:
Ich freue mich, dass der Wolf wieder da ist.
Vielleicht sollten wir bei all den Arten, die wir bereits verloren haben, auch einmal die Größe besitzen, uns über eine Art zu freuen, die es geschafft hat.
Eine Art, die keinen Antrag gestellt hat. Die kein politisches Programm verfolgt. Die weder Naturschützer noch Jäger kennt. Die nicht weiß, dass wir darüber diskutieren, ob sie hierhergehört.
Sie ist einfach zurückgekommen.
Ich bin Jäger. Ich werde weiterhin jagen. Ich weiß, dass wir unsere Landschaft bewirtschaften müssen und dass wir eingreifen müssen. Aber ich glaube auch, dass wir lernen müssen, nicht jede Entwicklung sofort kontrollieren zu wollen.
Wir brauchen eine produktive Landwirtschaft. Wir brauchen Forstwirtschaft. Wir brauchen Holz und Lebensmittel. Wir brauchen Jagd. Aber wir brauchen genauso Räume, in denen Natur wieder etwas mehr Natur sein darf.
Vorausschauende, standortgerechte und vielfältige Wälder. Wildruhezonen. Hecken, Brachen und Feuchtgebiete. Alte Bäume und Totholz. Und vielleicht Wälder, die wir für einige hundert Jahre einfach in Ruhe lassen.
Nicht weil der Mensch dort nichts verloren hätte. Sondern weil wir verstanden haben, dass nicht jeder Raum ausschließlich uns gehören muss.
Wir werden Natur weiterhin gestalten müssen. Aber vielleicht sollten wir ihr wieder mehr Möglichkeiten geben, uns zu überraschen.
Der Wolf hat genau das getan.
Er ist zurückgekommen.
Und ich freue mich darüber.
Zum Weiterlesen
Die sachlichen Grundlagen dieses Textes orientieren sich unter anderem am Wolfsmonitoring der DBBW, Informationen des Bundesamtes für Naturschutz, der Bundeswaldinventur sowie wissenschaftlichen Arbeiten zu Wolf, menschlicher Störung und trophischen Wechselwirkungen. Der Text selbst ist meine persönliche Einordnung.
